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Bildung und sozialer Erfolg bringen Vorsprung in der Politik

Colette MartHeute wissen in der Abgeordnetenkammer nur noch die wenigsten von sich selbst oder den Eltern, wie es ist, mit dem Mindestlohn zu Recht zu kommen, und dies ist eine kritische Überlegung wert. Es ist jedoch falsch, Geschäftsleute und Unternehmer auf Anhieb mit Reichtum und sozialer Gleichgültigkeit zu assimilieren, meint Colette Mart, Gemeinderätin in der Stadt Luxemburg und DP-Fraktionschefin, in einem Leitartikel im Lëtzebuerger Journal am Dienstag.

Die Parteien haben ihre Kandidatenlisten für die anstehenden Parlamentswahlen veröffentlicht, und ihnen wird in Kommentaren vorgeworfen, vorwiegend Akademiker, Sportler, Fernsehjournalisten, Geschäftsleute, respektive auch Politikerkinder auf ihren Listen zu führen. Die Tatsache, dass keine Arbeiter oder Angestellte als Kandidaten fungieren, wird kritisiert; die Abgeordnetenkammer widerspiegele nicht mehr die sozialen Konstellationen des Landes. Letzteres ist richtig, und verdient demgemäß ein näheres Hinsehen auf jene Begegnung zwischen den Wählern und den zukünftigen Volksvertretern, die am 20. Oktober stattfinden wird.

Dass auf den Kandidatenlisten Anwälte, Ärzte, Professoren, Betriebswirte fungieren, hängt damit zusammen, dass diese Berufe einen gewissen Bekanntheitsgrad möglich machen und deshalb Stimmen einbringen. Grundsätzlich kennen Anwälte, Ärzte und Lehrer die Sorgen der Menschen sehr gut, und es hängt also eher von ihrem persönlichen Charakter und Engagement ab, ob sie sich auch als Politiker für die Menschen einsetzen wollen oder nicht.

Des Weiteren ist es völlig falsch, Geschäftsleute und Unternehmer auf Anhieb mit Reichtum und sozialer Gleichgültigkeit zu assimilieren. Geschäftsleute haben auch Mitarbeiter und müssen in einem komplizierten wirtschaftlichen Umfeld deren Arbeitsplätze absichern. Sie können in der Luxemburger Gesellschaft auch durchaus von anderen sozialen Klassen diskriminiert werden. Fernseh- und Radiojournalisten offenbaren sich als beliebte Kandidaten bei den Parteien, eben weil sie auch einen gewissen Bekanntheitsgrad haben und politisches Hintergrundwissen mitbringen. Dann gibt es Kandidaten, die aus Politikerfamilien stammen. Zwar kann es Türen öffnen, einen prominenten Namen zu tragen – einen Namen der gegebenenfalls in der Kindheit auch zu zahlreichen Diskriminierungen führen konnte. Politikerkinder tragen nicht nur den Erfolg, sondern auch die Rück- und Tiefschläge in sich, die der Politikervater erlebte. Dieses Wissen um die Komplexität des Lebens kann der Sensibilität für die Anliegen der Bürger und der Ausführung von Politiken sehr nützlich sein. Es ist wahr, dass Arbeiter und Angestellte an politischer Präsenz einbüßen und dies ist ein Verlust in Sachen Diversität, die heute oft zitiert, aber wenig gelebt wird.

Leute mit einer Herkunftsgeschichte wie John Castegnaro, der sich an eine Kindheit in Armut erinnern konnte, Theo Stendebach, der aus einer Familie von elf Kindern stammt, oder Jean Spautz, der seine beachtliche politische Karriere als Arbeiter „op der Schmelz“ begann, wird es in Zukunft in der Politik wohl kaum mehr geben. Heute wissen in der Abgeordnetenkammer nur noch die wenigsten von sich selbst oder den Eltern, wie es ist, mit dem Mindestlohn zu Recht zu kommen, und dies ist eine kritische Überlegung wert.

Wer durch Bildung oder sozialen Erfolg einen Vorsprung in der Gesellschaft hat, hat diesen Vorsprung auch in der Politik. „The winner takes it all!“ Das ist die Realität und auch ein Problem.

(Quelle: Lëtzebuerger Journal, 13.08.2013)

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