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Interview

Wie stark hat sich der Wahlkampf ins Internet verlagert?

Jerry WeyerIm Wahlkampf funktioniert die Werbung in sozialen Netzwerken nur, wenn man auch bereit ist, Informationen zu teilen, erklärt der Wahlkampfmanager der Piratepartei Jerry Weyer in einem Interview mit der Wochenzeitung woxx. Es sei wichtig, dass Parteien die Möglichkeit bieten, über diese Netzwerke mit den Kanditatinnen und Kandidaten in Kontakt zu treten. Deshalb wird es kaum eine Partei geben, die Werbung im Internet komplett links liegenlassen wird, so Weyer. Die Fragen für woxx stellte Anina Valle Thiele.

Der Wahlkampf hat begonnen, und die Parteien setzen verstärkt auf Werbung übers Internet, insbesondere über Social Media. Wie stark hat sich der Wahlkampf tatsächlich ins Internet verlagert?

Momentan wenig. Das erste, was man jetzt sieht, ist, dass sich Politiker plötzlich auf Facebook ihre eigenen Seiten erstellen. Dass der eine oder andere Twitter-Account auftaucht. Dass es auch mehr Fragen dazu gibt: Welche Rolle werden Social Media im Wahlkampf spielen? Aber sehr viel Konkretes, was sich im Umgang mit Social Media geändert hat, hab ich noch nicht bemerkt.

Wie stark ist der Einfluß der Werbung über Social Media? Werden nicht in erster Linie junge WählerInnen angesprochen und auch erreicht?

Das hängt vom Netzwerk ab. Facebook zum Beispiel hat sich auch in Luxemburg so weit entwickelt, dass nicht nur junge Menschen aktiv sind. Sagen wir, es sind Menschen aktiv, die mit Computer und Internet zurechtkommen. Das sind aber heutzutage nicht nur die jungen. Bei Twitter stimmt es schon eher – das ist halt so: Je neuer das soziale Netzwerk, desto jünger normalerweise auch die Klientel.

Welche Partei setzt mit ihrer Kampagne am stärksten aufs Internet und auf Social-Media-Kanäle? Oder sind es eher einzelne Politiker?

Ich glaube nicht, dass es viele Parteien gibt, die Internetwerbung komplett links liegenlassen werden. Allerdings – zu erklären, eine Partei ist da am stärksten, ist schwierig. Richtiger wäre es, zu sagen, diese oder jene Partei habe ich da noch gar nicht gesehen. Zum Beispiel die kommunistische Partei, die einfach inexistent ist auf sozialen Netzwerken.

Klar ist aber, dass der Umgang bei den einzelnen Parteien unterschiedlich ist. Da gibt es die, die sowieso soziale Netzwerke benutzen – auch außerhalb des Wahlkampfs, die deshalb wissen, wie man damit umgeht, die darin zu Hause sind. Das sind nicht nur Politiker von den Grünen oder den Piraten, aber diese beiden Parteien sind da schon länger aktiv. Andere Parteien werden das nicht ignorieren. Das sieht man auch sehr schön nach der Ankündigung der Neuwahlen. Da gab es gleich auf Facebook ein schönes Bild von Jean-Claude Juncker: „Wir mit unserem Premierminister“. Da hat man also gesehen, dass die sich schon darauf vorbereitet haben. Es ist schon drin in den Köpfen der Parteien. Da sieht man allerdings auch, dass da viel Wahlkampfgeplänkel dabei ist, und das, denke ich, wird auch von den Menschen, die das sehen, registriert. Von den einen, die Facebook für Werbung gebrauchen, und von den anderen, die es sowieso, und dann eben auch für die Partei, benutzen.

Welche Gefahren bergen diese Netzwerke? Etwa Missbrauch eines Facebook-Accounts?

Generell gibt es beim Benutzen immer Dinge, die man beachten muss. Dass man – gerade als Kandidat oder Kandidatin – sich nicht, ohne genau zu gucken, Gruppen anschließt und sich dann – das hatten wir ja auch schon vor einem Jahr – bei Facebook auf irgendwelchen rechtspopulistischen Seiten wiederfindet. Das kann immer mal passieren, aber da müsste man vielleicht als Kandidat oder Kandidatin ein bisschen aufpassen.

Als Bürgerin oder Bürger sollte man nicht auch nicht erwarten, dass man auf diesen Plattformen tiefgründige Diskussionen führen kann. Man kann sie gebrauchen, um den direkten Kontakt herzustellen. Aber es ist schwiering, auf Facebook und auf Twitter wirklich zu diskutieren. Da soll man sich nichts vormachen. Wenn man den Kontakt und eine ausführliche Kommunikation will, ist eine Mail immer noch besser. Das heißt, es besteht die Gefahr, dass man die Sache zu ernst nimmt, und speziell bei den Parteien, dass die Leute zugespamt werden. Und dann irgendwann sagen, jetzt hab ich genug davon, jetzt verfolge ich die überhaupt nicht mehr.

Wie wichtig ist der Facebook-Account eines Politikers? Gerade in Luxemburg haben ja viele Politiker ihr eigenes Profil und posten rund um die Uhr Politisches wie Privates. Zum Teil sind es sehr authentische Informationen, zum Teil haben sie jemanden, der ihnen – wie vermutlich Etienne Schneider – den Account professionell managt.

Es ist schwierig, das so pauschal zu sagen. Es ist schon wichtig, dass man die Möglichkeit bietet, über diese Netzwerke mit den Kanditatinnen und Kandidaten in Kontakt zu treten. Ob das über so eine offizielle Seite passiert oder über ein persönliches Profil, hängt immer auch von der Art und Weise ab, wie die Politiker es benutzen.

Bei Etienne Schneider ist interessant zu sehen, dass er, seit er Spitzenkandidat und möglicher Premierminister ist, sein Profil ein bisschen professioneller gestaltet. Denn als Spitzenkandidat kann man das auch nicht immer so managen – also Updates und solche Sachen. Bei kleineren Parteien ist das kein Problem. Da kann man auch schon mal persönlicher werden.

Ich meine, Xavier Bettel macht damit eine gute Werbung für seine Person. Er weiß auch, dass er als Person wahrscheinlich viel stärker ist als seine Partei und nutzt das auch sehr gut. Es gibt zwar nur wenige Updates von ihm, aber die sind immer persönlich. Trotzdem politisch. Also es sind jetzt keine Instagram-Fotos von ihm, was er gerade isst, sondern es ist schon, dass er irgendwie unterwegs ist. Es sind Fotos von ihm, wo er jemanden trifft. Das läuft dann aber meistens über die privaten Profile und weniger über die Parteiprofile. Man hat die Wahl, ob man sich eher privat darstellen will oder als Staatsmann oder Staatsfrau.

Manche Politiker sind ja recht freizügig in ihrer Informationspolitik und posten auch Privates. Alex Bodry etwa postet Fotos von Grillfesten oder seinem Urlaub. Besteht da nicht die Gefahr, dass sie sich selbst schaden, oder wirkt das dann eher besonders authentisch? Machen sich einige nicht lächerlich?

Ach ja, Bodry. Der ist glaube ich gerade in der Toscana. Bei ihm sehe ich keine Gefahr. Was er bringt, sind Landschaftsfotos oder Grillfestfotos. Außerdem hat er das schon vor dem Wahlkampf gemacht, und das merken die Benutzer dann schon. Man weiß, dass er das nicht nur wegen des Wahlkampfs macht. Das ist eben seine Art. Er macht das über sein privates Profil.

Politikerinnen und Politikern wird ja oft vorgeworfen, dass sie so abweisend sind und Distanz wahren, und da hilft das dann schon. Es ist wahrscheinlich sogar eher von Vorteil. Wenn man aber übertreibt und Suff-Fotos postet, auf denen man sich danebenbenimmt oder seltsame politische Inhalte transportiert, dann wird es zum Problem. Allerdings muss man sagen, dass das in Luxemburg relaxter ist, weil man viele Politikerinnen und Politiker sowieso privat kennt. Es ist nicht so wie in Deutschland, wo man vielleicht die Renate Künast noch nie von Angesicht zu Angesicht gesehen hat und wirklich so eine Distanz besteht. Das heißt, hier ist es schon einfacher, sich ein bisschen privat zu präsentieren.

Ist es für jemanden, der eine sichere Strategie fahren will, nicht taktisch klüger, gänzlich auf einen personalisierten Facebook-Account zu verzichten, wie es Jean-Claude Juncker macht?

Social Media sagt es ja schon – das ist ja schon im Namen: „social“. Das heißt, diese Netzwerke funktionieren nur, wenn man bereit ist, Informationen zu teilen. Wenn man dazu nicht bereit ist, dann merken auch die Nutzer und die Friends oder Follower, dass die Authentizität fehlt. Es gibt zum Beispiel bei den Grünen jemanden, der Facebook nicht mag, also diese Offenheit der Privatsphäre ablehnt. Wenn der sich jetzt einen Facebook-Account für den Wahlkampf zurechtmacht und krampfhaft versucht, sich nach außen darzustellen, dann merkt man das, und der negative Eindruck setzt sich fest. Dass Jean-Claude Juncker sich als Privatperson keinen Facebook-Account zulegen will, liegt vermutlich daran, dass man ihm klargemacht hat, dass es vielleicht nicht ganz staatsmännisch wirkt, wie bei Etienne Schneider ja auch.

Welche Rolle spielt „Twitter“ – auch hier ist das Verhalten einzelner Politiker ja sehr unterschiedlich. Tendenziell ist Facebook doch eher das Medium, auf dem die Leute sich tummeln. Twitter peppt gerade erst hoch, oder?

Es wird schon wichtiger. Das hat man auch genau bei diesen Diskussionen gemerkt. Das letzte Jahr über war es schon sehr offensichtlich, dass Politiker und Politikerinnen darauf sehr viel mehr Wert gelegt haben. Und es wurde auch in vielen Parteien intern diskutiert, und junge Politikerinnen und Politiker haben versucht, ihre älteren Kollegen dazu zu bringen, sich einen Twitteraccount zuzulegen. Manchmal hat es geklappt, manchmal nicht. Da sieht man schon, dass das Interesse an diesem sozialen Netzwerk zunimmt.

Die Auseinandersetzung auf Twitter ist allerdings noch ein bisschen politisierter als die Facebook-Diskussion. Wenn man sich Facebook-Diskussionen ansieht zu den Themen, so gibt es sehr viel mehr Stimmen und Kommentare von Nicht-Politikern. Auf Twitter hat man sehr viele Diskussionen untereinander. Das ist für einen Beobachter von Vorteil, weil man eine Diskussion verfolgen kann, ohne sich selbst outen zu müssen. Politiker müssen sich kurz halten, sie müssen klare Antworten geben, und wenn sie dazu nicht imstande sind, wird das relativ schnell offensichtlich. Allerdings hat das auch den Effekt, dass man dann diese Kugel von Politikerinnen und Politikern hat, die untereinander diskutieren. Das ist aber nicht wirklich sinnvoll, weil man schließlich mit Wählerinnen und Wählern diskutiert.

Man sieht also auf Facebook eher selten, dass etwa François Bausch oder Serge Urbany etwas auf die Pinnwand schreibt. Es ist schon mal vorgekommen, während der Srel-Diskussion, aber das ist eher selten. Untereinander lässt man sich in Ruhe und diskutiert mit seinen Freunden. Auf Twitter kommt es schon eher vor, dass man die Leute tagged und den Namen angibt, und die Person das dann sieht. Dann sehen die Politiker es untereinander.

Wie viel zählt ein „Like“ einer Partei oder eines Politikers – ist es schon die Vorstufe zum Kreuzchen beim Wahlgang?

Nicht mal das. Ich zum Beispiel like regelmäßig die Seiten von Politikerinnen und Politikern. Die like ich dann konsequent durch, weil man dann die Updates bekommt. Es gibt zwar auch die Möglichkeit, nur zu followen – ohne zu liken, allerdings ist das so eine versteckte Funktion, die nicht so bekannt ist. Das heißt, es gibt wohl Leute, die den Like-Button klicken, nur um die Updates zu bekommen und sich darüber zu informieren.

Facebook wird schon als Nachrichtenplattform benutzt, weil man dann einen Überblick bekommt auf einer Seite, die man dann halt so durchscrollt. Das geht auch automatisch. Dann braucht man nicht auf die Seiten von RTL, woxx, oder Land zu gehen, um sich das zusammenzusuchen. Viele Menschen, die nicht jeden Tag die Tageszeitung lesen, sehen Facebook also auch als eine Newsplattform, und da kann man dann mal was liken, um die Updates zu bekommen.

Einige Parteien haben den Wert von Social-Media in Verbindung mit bekannten Persönlichkeiten erkannt. Das sieht man an ihren Listen. Die DP hat etwa mit Sylvia Camarda eine Tänzerin auf ihrer Liste, die auf ihrem sexualisierten Facebook-Account über 1000 Abonnenten zählt – in erster Linie männliche Fans. Wie stark wird sich so ein Phänomen auf die Wahlresultate auswirken? Wird man mehr auf Promis, wie die Schleck-Brüder, setzen?

Also das mit den Schleck-Brüdern ist ja schon so ein Running-Gag. Also die Frage, welche Partei wohl als erste bei denen anklopfen wird. Dass auf Promis gesetzt wird, ist ja schon Kultur in Luxemburg. Das ist nichts Neues. Fernsehmoderatoren, Journalisten, Sportler und Sportlerinnen. Den Fall der Tänzerin kenne ich nicht. Allerdings scheint mir eher so ein Promi-Bonus wichtiger als ein Social-Media-Bonus. Gerade bei der DP, die auf Twitter sehr wenig unterwegs ist. Mir fallen da gerade mal zwei Leute ein. Was das sexualisierte Profil angeht, müsste ich mir das ansehen. Vielleicht ist sie extrovertiert und macht das so. Wenn das allerdings geplant ist und ausgenutzt wird, wäre das schon recht schäbig. Der Effekt wird sein, dass Männer vorzugsweise auf ihre Seite gehen und dann durch die Fotos blättern. Diese Aufmerksamkeit und dann das Einbrennen des Namens bringt dann schon einen Vorteil.

Für hitzige Diskussionen in den sozialen Netzwerken sorgte vor ca. zehn Tagen der offene Brief eines Mannes an den Gesundheitsminister. Der Brief wurde mittlerweile über 1000 mal geteilt und bringt es auf ca. 2000 Likes. Es geht darin um sprachliche Barrieren in Krankenhäusern. Ist das ein Einzelfall, oder werden sich Menschen in Luxemburg zunehmend über Social-Media-Kanäle empören und auch politische Missstände auf diesem Wege anprangern?

Ja. Ich sehe da definitiv eine Entwicklung. Das hat auch gerade mit den gegenwärtigen Skandalen zu tun. Erstens sind viel mehr Menschen politisiert – sie sind zwar frustriert, interessieren sich aber trotzdem stärker für Politik und wollen trotzdem wissen, was jetzt noch kommt, was geht jetzt hier vor? Und man sieht auch mehr politische Posts auf Facebook. Zum Beispiel dieses Bild von Jean-Claude Juncker und Luc Frieden, wo sie mit Lucien Lux als Hund spazieren gehen. Das wurde auch tausendmal geliked und geteilt. Das ist auch so ein Ausdruck dieses Frusts. Man nimmt es ein bisschen mit Humor. Trotzdem ist es politisch. Und solche Posts, wenn sie einen Nerv treffen, werden viel mehr geteilt und kommentiert als vielleicht noch vor zwei Jahren, als Politik in Luxemburg noch gemäßigter und etwas langweiliger war.

Am letzten US-amerikanischen Wahlkampf und der Kampagne Barack Obamas kann man sehen, wie stark Werbekampagnen über Facebook wirken. Diese und die starke Beteiligung von Frauen hätten den Wahlkampf für ihn entschieden, heißt es. Stimmt es, dass sich Wahlkampagnen heute nicht mehr ohne das Internet denken lassen?

Es ist schwierig, eine komplette Kampagne zu machen und darauf ganz zu verzichten. Das Internet ist ja nicht so ein Ding nebenbei, das einige nutzen, andere nicht. Es ist auch mehr als ein Medium. Es ist einfach Kommunikations-, Informations-, Austausch- und Diskussionsplattform. Kann man das einfach ignorieren? Es gibt ja auch keine Partei, die es sich leisten kann, grundsätzlich keine Interviews zu geben. Es klingt natürlich hipp und neu, wenn man später sagt, wir haben die Wahl über Social Media gewonnen. Wenn man wiedergewählt werden will, muss man dieses Image halten, dass man modern ist. Deshalb: Social Media ist nur ein Weg, genauso wie andere Produkte im Internet. Eine Webseite ist ein Weg. Trotzdem kann man sich auch nicht ausschließlich darauf fokussieren und verlassen. Alleine wegen den Einschränkungen, über die wir schon diskutiert haben.

Auf Twitter gibt es kurze Diskussionen, auf Facebook wird’s zu lang, irgendwann kommen die dummen Kommentare, hat man keine Lust mehr. Das heißt, die konstruktiven Diskussionen, führt man dann im Gespräch eins zu eins oder auf Versammlungen. Aber auch da muss ein Computer vorhanden sein oder ein Handy. Sich komplett auf Social Media zu verlassen, ist also genauso schwierig, wie es komplett zu ignorieren. Die Mischung ist das Erforderliche. Es muss richtig benutzt werden. Aber wahlentscheidend ist es genauso wenig wie ein anderes Medium.

(Quelle: woxx.lu)

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